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Costa Rica
Tortuguero

Viel Wasser

Lesedauer: ca. 13 Minuten

Unsere Reise nach Tortuguero beginnt mit zwei Anfängerfehlern. Der erste kostet uns Zeit, der zweite Geld.

Wir fragen nach, von wo der Bus nach Moín abfährt, denn da müssen wir als erstes hin. Der Fehler ist, dass wir keine Zweitmeinung einholen und somit am falschen Busbahnhof landen.

Immerhin, als wir dann dort nachfragen, wo denn unser richtiger Busbahnhof wäre, bekommen wir eine einheitliche Antwort: „Da drüben“.
Dazu eine Geste, die grob in Richtung Béisbol-Stadion zeigt.

Nach einiger Zeit haben wir dann den richtigen Busbahnhof gefunden.

Dort aber ist der Ticketschalter geschlossen. Frühstückspause. Also fragen wir bei den Fahrern der wartenden Busse nach, ob sie nach Moín fahren. Jeder Busfahrer kann mit Bestimmtheit sagen, dass er nicht dorthin fährt, aber keiner weiß, welcher Bus denn der richtige wäre. Erst der letzte Fahrer, den wir fragen, weiß mehr: Er fährt zwar auch nicht nach Moín, sagt er uns, aber an derselben Plattform würde nachher unser Bus kommen.
Und genau so ist es dann auch. Glück gehabt.

Wir kommen am Hafen von Moín an. Dort wird gerade ein riesiges Containerschiff beladen, jeder Container trägt das Chiquita-Logo. Bei der Vorstellung, wieviele Bananen sich gerade auf diesem Schiff befinden, wird mir schlecht. Obwohl ich eigentlich Bananen liebe.

Daneben befindet sich ein kleinerer Hafen, von dem die Taxi-Boote nach Tortuguero abfahren. Und hier begehen wir den zweiten Anfängerfehler.

Ein Mann kommt direkt auf uns zu und erklärt uns dann, er würde hier die Tickets verkaufen. Und obwohl wir es eigentlich besser wissen müssten, gehen wir direkt darauf ein und kaufen bei ihm unsere Tickets. Anstatt vorher bei den anderen Leuten vor Ort nachzufragen, ob das alles so seine Richtigkeit hat.

Wie wir später erfahren, haben wir somit einen Haufen Geld zuviel für die Bootsfahrt bezahlt. So ein Mist. Auf diesen Typen hineingefallen zu sein, das ärgert mich wahnsinnig. Nadine hingegen meint nur: „Karma. Der wird schon noch sehen, was er davon hat.“

Es geht los. Die gut dreieinhalbstündige Fahrt nach Tortuguero verläuft vollständig auf Flüssen und Lagunen sowie auf Kanälen, welche parallel zum Meerufer als Verbindung zwischen den Flüssen gebaut wurden. Zum Glück müssen wir kein einziges Mal über das Meer, denn das ist extrem unruhig, wie wir bei jeder Flussmündung sehen.

Die Fahrt durch das tropische Grün ist wunderschön. Unterwegs begegnen wir einem Krokodil sowie zahlreichen beeindruckenden Vögeln.

Ab und zu kommen wir an überschwemmten Weiden vorbei, mit Kühen oder Pferden darauf.

Die Flüsse und Kanäle sind hier die einzigen Verkehrswege, Straßen gibt es in dieser Region nicht. Und somit ist es auch nicht verwunderlich, dass an den Mündungen Verkehrsschilder den richtigen Weg weisen.

Die Fahrt wäre wirklich angenehm, wenn es nicht immer wieder heftig regnen würde. Das macht das Ganze ein wenig ungemütlich.

Und dann gibt es ein Problem: Der Sturm und die Regengüsse der letzten Tage haben manche Stellen unpassierbar gemacht, mitunter liegen ganze Sträucher, Palmen oder Bäume quer über den Kanal.

Mein Namensvetter Manuel, unser Bootsführer, muss uns immer wieder mit einer Machete den Weg freischlagen. Manchmal hilft aber auch das nicht, dann helfen wir mit Paddeln über Baumstämme hinweg. Aber an einer Stelle klappt das nicht. Wir befürchten, dass wir umdrehen müssen.
Aber dann gelingt auch hier nach einiger Zeit und mehreren Versuchen die Durchfahrt.

Und somit kommen wir letztendlich in Tortuguero an.

Aber dort ist kein Anlegeplatz frei, wir müssen warten. Nun ist es aber so, dass Nadine offensichtlich vor der Abreise zu viel Kaffee getrunken hat, sie muss dringend aufs Klo. „Manuel!“ ruft sie nach vorne zu unserem Bootsführer. Es wäre ihr egal, sagt sie ihm, ob ein Anlegeplatz frei ist oder nicht, wir müssten trotzdem anlegen, und zwar sofort.

Und so verlässt sie unser Boot, indem sie über ein paar Kanus klettert. Eine weitere Mitfahrerin springt ihr hinterher, sie hat offensichtlich dasselbe Problem.

Tortuguero

Tortuguero ist ein kleiner Ort, der sich auf einer langgestreckten Insel zwischen Fluss, Lagune und Meer befindet. Er besteht aus einem Hauptweg, von dem ein paar kleinere Wege abzweigen. Hostels, Restaurants und die Häuser der Bewohner wechseln sich einander ab.
Autos gibt es hier keine, was zu dem entspannten und ruhigen Eindruck beiträgt, den Tortuguero auf uns macht.

Im Moment ist Tortuguero aber vor allem nass: Durch die gestrigen Regengüsse ist der Ort größtenteils überflutet.

Die Kinder scheint das nicht zu stören, sie spielen statt Fußball eben Wasserball.

Diejenigen, die ihre Häuser auf Stelzen gebaut haben, haben Glück. Die anderen weniger. Teilweise wird das Wasser mit Eimern aus den Häusern geschöpft.

Tortuguero liegt in der feuchtesten Region Costa Ricas. Dass es hier heftig regnet, ist also nicht außergewöhnlich. Aber dass es so heftig regnet wie gestern, das dann doch. Es waren die heftigsten Regengüsse seit Jahren, erklärt man uns.

Unterkunftssuche

Wir machen uns auf die Suche nach einer Unterkunft. Was sich deutlich schwieriger gestaltet, als wir uns das vorgestellt haben: Es gibt zwar zahlreiche Unterkünfte, aber in der Regel sind das feuchte, dunkle Zimmer. Wobei „feucht“ natürlich nicht überraschend ist.

Dann bekommen wir ein wunderschönes Zimmer in einem oberen Stockwerk angeboten, mit mehreren Fenstern, die alle von viel Grün umgeben sind. Dieses Zimmer würden wir sofort nehmen. Wenn sich nicht in unmittelbarer Nähe eine laute Baustelle befinden würde. Von acht Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags geht das Bohren und Sägen und Hämmern, sagt uns die davon bereits sichtlich genervte Rezeptionsmitarbeiterin.

Also suchen wir weiter. Mittlerweile wird es frustrierend. Die Affen schauen uns dabei zu, wie wir durch diesen Ort hin und her irren.

Wir landen an einem ziemlich versteckten Hostel, da sagt uns der Besitzer, alle seine Zimmer wären überschwemmt, somit hätte er leider keines für uns. Obwohl, ein großes Familienzimmer wäre vom Wasser verschont geblieben, das könnten wir uns ansehen.

Es handelt sich hierbei um eine große Hütte mit einer Unmenge an Betten darin, sie befindet in einem wunderschönen Garten und hat eine überdachte Terrasse. Sogar einen Kühlschrank und eine Kaffeemaschine gibt es. Was will man mehr? Wir nehmen unsere Rucksäcke ab und bleiben hier.
Falls uns also jemand spontan besuchen kommen möchte: Wir hätten noch zahlreiche freie Betten.

Tortuguero trocknet

Am nächsten Tag ist herrliches Wetter, die Sonne scheint. Tortuguero kann ein wenig austrocknen.

Wir nutzen das für ein paar Spaziergänge und gehen danach an den Strand. Das hier ist zwar sicherlich nicht der schönste Karibikstrand, aber dafür ist man über Kilometer hinweg allein.

Zur Mittagszeit gehen wir zurück zu unserer Hütte.
Sogar einen Pool gibt es in unserem Garten! Darin baden würde ich zwar nicht, aber zum Füße reinhalten ist er perfekt.

In einem Nachbarhaus dahinter läuft Reggeaton aus einer beeindruckenden Soundanlage, dazu ein eiskaltes Bier - die perfekte Poolbar-Atmosphäre also, und das nur für uns allein.

Kälteschub Nummer 7

Und dann, am Abend, kommt der Kälteschub Nummer 7. Das erfahre ich aus den Nachrichten.
Ich weiß zwar nicht, ob ich „empuje frío“ richtig mit „Kälteschub“ übersetze, aber passend ist es auf jeden Fall: Von einer Sekunde auf die andere kommt heftiger Wind auf, die Luft kühlt merklich ab, und es fängt an zu schütten. Und hört nicht mehr auf.

Dieses Wetterphänomen, lese ich, tritt durchschnittlich sechzehn Mal im Jahr auf. Kalte Luft aus Nordamerika dringt dabei bis in die Tropen vor und sorgt für die starken Winde und Regenfälle.

Den Kälteschub Nummer 6 haben wir in Limón erlebt, nun dürfen wir gleich den nächsten mitnehmen. Ganz toll.
Allerdings muss man sich die Kälte jetzt nicht so vorstellen, dass man friert, sondern die Temperatur ändert sich von heiß auf angenehm. Aber der viele Regen ist dann doch mittlerweile etwas zu viel.

Viel Wasser

Am nächsten Morgen wollten wir eigentlich eine Bootstour machen, aber das lassen wir bei dem heftigen Regen besser sein.

Wir gehen stattdessen frühstücken und betrachten dabei die schwimmenden Inseln auf dem Fluss.

Danach folgen wir dem Beispiel der beiden Hunde auf dem Sofa und verbringen die nächsten Stunden mit Nichtstun.

Als es dann zu regnen aufhört, nutzen wir das für einen kleinen Spaziergang. Ein etwa drei Kilometer langer Weg führt kerzengerade über die Insel.

Zahlreiche Vögel begleiten uns auf dem Weg, Kolibris, Papageien und viele mehr, aber nur ein Tukan bleibt mal wenigstens für einen Moment ruhig sitzen, so dass ich ihn fotografieren kann.

Wir haben ungefähr die Hälfte des Rückwegs hinter uns, als es plötzlich wieder anfängt zu regnen. Und wie. Wir suchen Zuflucht unter einer Palme.

Ein Mitarbeiter einer nahegelegenen Lodge kommt auf einem Fahrrad vorbei, in der Hand hält er einen Regenschirm. „Mucha agua“ meint er, viel Wasser. Das ist der meistgehörte Ausruf zurzeit hier in Tortuguero.

Und dann bietet er uns seinen Regenschirm an. Er müsse kurz ins Dorf und dann gleich wieder zurück, sagte er, wir könnten ihm den Regenschirm also auf seinem Rückweg wiedergeben.
Natürlich lehnen wir ab, schließlich würde dann ja er klatschnass werden. Aber nichts zu machen, er insistiert so lange, bis wir den Regenschirm nehmen.

Und mit diesem Regenschirm verlassen wir nun unsere Schutzpalme und gehen zurück zum Dorf. Dort kommt uns dann der Regenschirm-Besitzer entgegen. Mittlerweile hat er auch sein Fahrrad hergegeben, an eine Kollegin, die er offensichtlich abgeholt hat, und somit läuft er nun tropfend zu Fuß durch die Regenmassen. Gutes Karma, meint Nadine.

Es kostet einige Überredung, dass er den Regenschirm zurücknimmt. Und dann gehen wir die letzten Meter zu unserer Hütte. Das mit dem Regenschirm hätten wir uns damit jedoch komplett sparen können, denn wir sind vollständig durchnässt, als wir ankommen.

Es besteht keine Chance, dass hier irgendetwas trocknet. Mittlerweile ist sogar unsere eigentlich trockene Wäsche in den Rücksäcken feucht, das Bett ist feucht, alles ist feucht.

Der Regen wird etwas schwächer. Schwacher Regen hat in etwa den selben Effekt wie gar kein Regen, da man bei der hohen Luftfeuchtigkeit ja auch ohne Regen durchfeuchtet wird. Wir warten also nicht weiter, ob es irgendwann gar nicht mehr regnet, und gehen abendessen.

Wir hoffen, dass der Regen irgendwann einmal aufhört, damit wir morgen die geplante Bootstour machen können, aber bereits beim Rückweg vom Restaurant fängt es wieder an zu schütten.

Mucha agua.

Land:Costa Rica
Ort:Tortuguero
Reisedatum:01.12.2021 - 05.12.2021
Autor:Manuel Sterk
Veröffentlicht:04.12.2021
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