Damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet: In einem Land, das jährlich von über zehn Millionen Touristen überschwemmt wird, fahren wir zu einer einzigartigen touristischen Attraktion – und dort sind alle völlig damit überfordert, dass plötzlich Touristen auftauchen.
Das Wunder
Beim Durchstöbern des Reiseführers stoßen wir auf den Lago Enriquillo, der sich von Bergen umgeben in der Nähe der Grenze zu Haiti befindet. Es handelt sich hierbei um einen riesigen Salzsee, der vor langer Zeit einmal Teil eines früheren Meeresarms war.
Heute ist er besiedelt von Krokodilen (den richtig großen, die in der Regel drei bis vier Meter lang sind, manche auch größer), von Flamingos und von Nashornleguanen.
Der See liegt 40 Meter unter dem Meeresspiegel und ist damit der niedrigste Punkt der Karibik. Ein Artikel im Internet beschreibt ihn als „einzigartigen geologischen Schatz“ und als „ein Wunder“.
Und dieses Wunder wollen wir uns natürlich auf keinen Fall entgehen lassen, also steigen wir in der Hauptstadt Santo Domingo in einen Bus, der uns in knapp vier Stunden zunächst in die Stadt Barahona bringt, wo wir am nächsten Tag in ein Guagua nach Neyba steigen.
Zuckerrohr
Das Landschaftsbild ändert sich: Die Bananenplantagen machen Platz für Zuckerrohrplantagen.
Wir fahren vorbei an den Bateys, den Wohnsiedlungen der Zuckerrohrplantagen-Arbeiter. Hier leben und arbeiten überwiegend Haitianer.
Der (englischsprachige) Wikipedia-Artikel beschreibt die Bateys so: The Batey is a modern form of slavery where Haitians are paid less than $2.00 American dollars for 12–14 hours of labor.
Auch Haitianer, die mit ihren Familien schon lange hier leben, gelten als illegal Eingereiste und bekommen daher keine dominikanische Staatsbürgerschaft. Auch ihre Kinder nicht, die dadurch weder eine haitianische noch eine dominikanische Staatsbürgerschaft besitzen.
Das Thema Einwanderung scheint weltweit nirgends zufriedenstellend gelöst zu sein, obwohl es ebenso weltweit selbstverständlich dazugehört.
Von alldem bekommen wir natürlich in unserem Guagua nichts mit, während wir weiter Kilometer für Kilometer an Zuckerrohrplantagen entlang fahren.
An einer Seite der Straße verlaufen Schienen, auf denen mit altertümlich wirkenden Loks und Waggons das geerntete Zuckerrohr abtransportiert wird.
Neyba
Und irgendwann kommen wir dann endlich in Neyba an. Dort fragen wir uns zu einem weiteren Guagua durch, das uns nach La Descubierta am Lago Enriquillo bringen soll.
Der Fahrer will schon losfahren, aber wir sagen ihm, dass wir, bevor wir einsteigen können, noch dringend eine Toilette benötigen. Er überlegt kurz und führt uns dann zu einem Supermarkt, wo es tatsächlich erstaunlich saubere Toiletten gibt.
Und danach beginnt unsere letzte Etappe auf dem Weg zum Lago Enriquillo.
Alle Hotels in La Descubierta
In Google Maps haben wir ein Hotel mit durchgehend guten Rezensionen gesehen, und dort steigen wir aus dem Guagua aus.
Wir finden in dem wie ausgestorben wirkenden Haus eine junge Frau, die dann wiederum einen älteren Mann sucht, der uns dann die Zimmer zeigt. Allerdings sind die Zimmer derart voll mit Spinnweben, dass man vermutlich ein paar Tage brauchen würde, um sie wieder bewohnbar zu machen, und so lange wollen wir eigentlich nicht in La Descubierta bleiben. Vielleicht hätten wir nachsehen sollen, aus welchem Jahrhundert die Rezensionen stammen.
Bei einem anderen Hotel finden wir niemanden, aber eine Frau, der wir auf der Straße begegnen, führt uns zu einem weiteren Hotel. Dort stehen ein paar Jungs unter einem Baum, und als wir auftauchen, breitet sich Hektik aus. Einer von ihnen sucht dann die Schlüssel, findet sie und zeigt uns ein Zimmer. Wir fragen, was das Zimmer kostet. „Nicht viel“ ist seine Antwort. Ein anderes Zimmer, das er uns zeigt, kostet „ein bisschen mehr“. Eine genaue Summe kann er uns aber nicht nennen, da er sie nicht weiß.
Beim nächsten Hotel: Dieselbe Situation. Ein paar Jungs unter einem Baum. Diesmal ist aber keiner dabei, der zum Hotel gehört, aber man ruft jemanden mit dem Handy an.
Der junge Mann, der dann kommt, spricht leider so gut wie kein Spanisch, sondern nur Kreol, was für mich wie ein unverständliches Kauderwelsch klingt. Das macht die Verständigung etwas schwierig, aber nachdem wir die feuchten und schimmeligen Zimmer gesehen haben, verabschieden wir uns sowieso gleich wieder.
Zum Glück gibt es in diesem kleinen Ort erstaunlich viele Hotels, aber so langsam gehen die Optionen dann doch aus. Das vorletzte Hotel sieht aus wie eine selbstgebaute, mehrstöckige Holzhütte. Der Besitzer zeigt uns stolz einige Zimmer, denen ich einen gewissen Charme gar nicht absprechen möchte, die aber trotzdem eher wie chaotische und ziemlich dunkle Rumpelkammern wirken.
Also weiter zum letzten Hotel. Dort gibt es neben ein paar einfachen Zimmern, die bereits weit über dem Standard des Orts liegen, ein wirklich ordentliches Doppelzimmer.
Sogar mit Balkon. Und mit einer Tür zum Badezimmer, die meisten anderen Zimmer in La Descubierta haben da nur einen Vorhang oder gar nichts. Also wirklich Luxus pur, und natürlich nehmen wir dieses Zimmer sofort, auch wenn es mit 2000 Peso das teuerste im ganzen Ort ist. Umgerechnet sind das knapp 30 Euro, wir können uns diesen Luxus also leisten.
Ein weiterer Pluspunkt: Wir dürfen die Waschmaschine unserer Gastgeberin benutzen.
Die lange Suche nach einer Unterkunft hat sich also letztendlich gelohnt. Und wir kennen hierdurch bereits den ganzen Ort und wissen dadurch Folgendes:
Es gibt außer uns keinen einzigen anderen Touristen im Ort, alle Hotelzimmer in La Descubierta sind verfügbar.
Und es gibt hier nichts zu essen für uns. Denn frittiertes Fleisch wollen wir nicht, und etwas anderes scheint es nicht zu geben. Also kaufen wir uns an einem Kiosk Toastbrot und bei einem Gemüsestand eine Avocado.
La Descubierta
Der Ort wirkt auf mich optisch recht angenehm, und mit den Bergen im Hintergrund ist er wirklich schön gelegen.
Und er ist, um es positiv zu formulieren, sehr ruhig.
Etwas unterhalb des Hauptplatzes gibt es ein sehr schönes, frei zugängliches Schwimmbad, das mit dem Wasser aus einem Gebirgsbach gespeist wird.
Neben dem Becken gibt es eine Bar, und wie es in der Dominikanischen Republik üblich ist, beschallt diese die Umgebung in Clublautstärke. Die Fotos wirken also möglicherweise etwas idyllischer, als es tatsächlich ist.
Eine ähnliche Badestelle, aber nicht ganz so schön, gibt es noch weiter oben im Dorf. Und damit haben wir La Descubierta vollständig durchwandert.
So, wie wir in kurzer Zeit den Ort kennengelernt haben, weiß nun umgekehrt natürlich jeder im Ort, dass wir, also Touristen, da sind. Und schon kommt ein Motorrad auf uns zu und der Fahrer erklärt, er wäre offizieller Tourguide, und zeigt uns einen Ausweis, der dies bekräftigen soll. Wir wimmeln ihn ab, ohne zu wissen, dass er tatsächlich die einzige Option im Ort wäre, den Lago Enriquillo kennenzulernen.
Lago Enriquillo
Am nächsten Morgen fahren wir mit einem Guagua zum Eingang des Nationalparks, in den der Lago Enriquillo eingebettet ist. Dort hängen ein paar Männer rum, aber keiner scheint hier eine Funktion zu haben.
Auf meine Frage, wie wir eine Bootstour auf dem Lago Enriquillo organisieren können, wird auf einen handgeschriebenen Zettel an der Wand verwiesen, auf dem die Telefonnummer des Bootsführers steht.
Also rufe ich an.
Der Bootsführer erklärt mir, dass zur Zeit keine kompletten Bootstouren bis zur Insel möglich sind, sondern nur eine kurze Tour, und dass er sich nun auf den Weg machen würde und gleich da sein wird.
Also gehen wir schon mal runter zum See.
Der Eintritt in den Nationalpark kostet eigentlich eine Gebühr, aber es ist niemand da, der Eintrittsgelder kassieren könnte. Auch okay.
Unten angekommen staunen wir über die Landschaft, die sich uns dort präsentiert.
Vor dem See sorgen abgestorbene Bäume für ein irgendwie unwirkliches Landschaftsbild.
Später werden wir lernen, was es damit auf sich hat: Seit ein paar Jahren steigt der Wasserspiegel des Sees immer weiter an, kilometerweit wurden Ackerflächen und sogar Siedlungen überflutet. Und eben Bäume.
Und tatsächlich: Überall im See sieht man Äste von überfluteten Bäumen aus dem Wasser ragen.
Wir gehen weiter bis zur Bootsanlegestelle.
Dort warten Leguane auf den Ästen der toten Bäume darauf, dass die Morgensonne ausreichend Kraft entwickelt.
Als sich der Bootsführer auch nach einer halben Stunde noch nicht blicken lässt, rufe ich ihn nochmal an. Er würde gleich da sein, sagt er mir, was aber erfahrungsgemäß eine ziemlich dehnbare Angabe ist.
Also spazieren wir noch ein wenig am Seeufer entlang.
Irgendwann taucht der Bootsführer dann auf. Und wir sind etwas überrascht: Der Bootsführer ist derjenige, der sich uns gestern als Tourguide angeboten hat.
Das Boot wird startklar gemacht und unsere Fahrt geht los.
Wir fahren an einen Strand, der zu anderen Zeiten voll mit Krokodilen ist, aber wir sind in der falschen Saison da. Wir sehen am Strand nur ein kleines, noch junges Krokodil. Von ausgewachsenen Krokodilen sehen wir nur die Köpfe im Wasser.
Ein Stück weiter kommen wir in einen Bereich, in dem sich Flamingos aufhalten, aber auch diese zeigen sich nur sehr zurückhaltend.
Dank der Erläuterungen unseres Bootsführer-Tourguides und seines Kollegen lernen wir einiges über den See, seine Entstehung und die Auswirkungen des Anstiegs des Wasserpegels in den letzten Jahren.
Achtung, Leguane!
Zurück an der Bootsanlegestelle gehen wir wieder zurück zum Eingang. Mittlerweile ist dort jemanden eingetroffen, der die Eintrittgebühr für den Nationalpark kassieren kann.
Auch die Leguane haben mittlerweile den Weg von den toten Ästen hoch zum Eingangsbereich gefunden.
Wir gehen weiter zur Landstraße und diese einen guten Kilometer entlang bis zur Cueva de las Caritas.
Warnschilder fordern zur Reduzierung der Geschwindigkeit auf, aber daran hält sich niemand. Nadine sieht einen Leguan auf der Straße und schafft es gerade noch rechtzeitig, einen heranrasenden Lastwagen durch Handzeichen zum Bremsen zu bewegen.
Cueva de las Caritas
Es geht ein gutes Stück den Berg hinauf und dann steht man vor einer Höhle, an der Gesichter in den Stein geritzt sind. In unserem Reiseführer sind diese sehr treffend so beschrieben: Petroglyphs which look remarkably like acid-house-style smiley faces.
Diese „acid-house-style smiley faces“ sind mehrere hundert Jahre alt, wurden von indigenen Völkern geschaffen, wahrscheinlich den Taíno oder deren Vorgängern, und gehören zu den rätselhaftesten archäologischen Spuren in der Dominikanische Republik, lese ich im Internet. Ihr genauer Zweck ist bis heute nicht vollständig geklärt.
Mit diesem ungelösten Rätsel verlassen wir den Lago Enriquillo wieder und machen uns auf den Weg, ein Guagua für die Rückfahrt zu ergattern.
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| Land: | Dominikanische Republik |
| Ort: | Lago Enriquillo |
| Reisedatum: | 11.03.2026 - 12.03.2026 |
| Autor: | Manuel Sterk |
| Veröffentlicht: | 17.03.2026 |
| Leser bisher: | 31 |
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