Die Stadt Pedernales liegt am karibischen Meer ganz im Südwesten der Dominikanischen Republik, direkt an der Grenze zu Haiti.
Nur ein Fluss, der Riviére de Pedernales, trennt das dominikanische Pedernales vom haitianischen Nachbarort Anse-à-Pitres und damit vom ärmsten Land der westlichen Welt, das sich seit längerer Zeit im fortwährenden Ausnahmezustand befindet und vor dessen Besuch unser Auswärtiges Amt ausdrücklich warnt. Allen, die bereits dort sind, wird empfohlen, das Land auf jedem sich bietenden sicheren Weg zu verlassen.
Wobei aus dem weiteren Text hervorgeht, dass es mangels internationaler Flüge und aufgrund der geschlossenen Grenzübergänge und der durch kriminelle Banden kontrollierten Wege dorthin eigentlich gar keinen sicheren Weg gibt.
Reisenden wird geraten, dass sie anbetracht der Gefahrenlage „Vollmachten für private und berufliche Erledigungen hinterlassen, ein Testament verfassen und Sorgerechtsfragen klären“.
Pedernales
Wie sicher ist es dann hier in Pedernales, nur ein paar hundert Meter von diesem Land entfernt? Als wir bei einem Straßenverkaufsstand auf unsere Empanadas warten, unterhalten wir uns mit der Verkäuferin und den anderen Kunden darüber, und die Antwort ist beruhigend: Hier in Pedernales ist alles entspannt, wir müssen uns keinerlei Sorgen machen.
Auch auf uns macht dieser Ort einen sehr entspannten Eindruck. So entspannt, dass wir unseren Aufenthalt immer wieder verlängern und letztendlich eine ganze Woche hier bleiben.
Eine Besonderheit hier ist, dass es im Ort nur so wimmelt von Polizei, Grenzschutz, Armee und, extra für uns, Touristenpolizei, alle sind hier mit jeweils mehreren unterschiedlichen Einheiten vertreten. Besser beschützt als in Pedernales kann man sich in diesem Land eigentlich nicht fühlen.
Mit Bodyguard auf den Markt
Wir lesen von einem binationalen Markt, der hier Montags und Freitags im Niemandsland zwischen der Dominikanischen Republik und Haiti stattfindet.
Vielleicht ist es etwas blauäugig, aber wir denken, das müssten wir uns mal ansehen, und gehen los.
Nach ein paar Blöcken übertreten wir unvermittelt eine unsichtbare Grenze: Gerade gehen wir an einer Konditorei vorbei, ein Laden wie alle anderen hier im Ort, aber ab dem nächsten Block folgt eine endlose Reihe an großen Lagerhallen, an denen massenweise Waren ein- und ausgeladen werden.
Die Menschen sehen hier so eindeutig nach Haitianern und nicht nach Dominikanern aus, dass sogar wir das erkennen. Und die Namen der Geschäfte klingen teilweise eher französisch als spanisch.
Wir werden doch wohl nicht die Grenze zu Haiti übertreten haben? So einfach wird das nicht gehen, beruhigen wir uns, aber irgendwie merkwürdig ist es schon.
Etwas weiter vorne drängen sich alle zu einem offenen Tor in einem Zaun. Etwas verunsichert kämpfen auch wir uns dorthin durch. Sicherheitshalber fragen wir an dem Kontrollposten nach, ob wir hier wirklich durch könnten.
Und danach, direkt nach diesem Zaun, befindet sich der Markt. Wir sind also im Niemandsland gelandet.
Nach ein paar Metern fällt uns auf, dass uns ein Polizist verfolgt: Mindestens einsneunzig groß, durchtrainiert, eine Hand immer an seiner Waffe.
Er wäre hier, um uns zu beschützen, sagt er uns. Und tatsächlich begleitet er uns nun während unseres gesamten Markt-Rundgangs, in kurzem Abstand geht er hinter uns her, wie ein Schatten.
Wir haben also einen persönlichen Bodyguard. Mit seiner Sonnenbrille und seiner gesamten Erscheinung sieht er aus wie einem Hollywood-Film entsprungen.
Aber trotz Bodyguard bleiben wir nicht allzu lange hier. Dieser Markt ist uns dann doch ein wenig zu heftig.
Wir bedanken uns bei unserem Bodyguard, verabschieden uns und verlassen das Niemandsland wieder.
Aber wir werden unserem Bodyguard in den folgenden Tage noch öfters begegnen. Wie bereits erwähnt, in Pedernales fühlt man sich wirklich bestens beschützt.
Als wir einmal, recht früh am Morgen, am Eingang zum Strand weder unseren Bodyguard noch irgendwelche Polizei- oder Militäreinheiten sehen, überlegen wir schon, ob wir uns nun Sorgen machen müssten.
Der Strand
Vor dem Eingang zum Strand stehen zahlreiche Buden, hauptsächlich super-frías (das sind Bierverkaufsstände, die zumeist mit einer beeindruckenden Soundanlage ausgestattet sind) und cafeterías (wo es keinen Kaffee, sondern Fast-Food gibt).
Zusätzlich gibt es hier einen Metzgerei-Stand, bei dem im Laufe der nächsten Tage stückchenweise ein Schwein verkauft wird. Als nichts mehr von dem Schwein übrig ist, wird der Stand wieder geschlossen.
Am Anfang des Strands befindet sich umgeben von Fischerbooten ein völlig überteuertes Strandrestaurant, das so gut wie nie Gäste hat.
Und danach kommt gar nichts mehr. Außer kilometerlanger Strand.
Ein Stück weiter unten befindet sich eine Stelle, die recht gut mit Auto und Motorrad zu erreichen ist, und dort sind ab und zu ein paar Einheimische, aber ansonsten haben wir den Strand für uns allein.
Aber so schön es hier auch ist, natürlich gibt es auch Nachteile, zumindest saisonal bedingte. Zum einen gibt es hier Sandfliegen. Und zum anderen wird jeden Morgen ziemlich pünktlich um zehn Uhr irgendwo in der Atmosphäre anscheinend eine Turbine angeworfen, zumindest beginnt von einer Sekunde auf die nächste ein wirklich heftiger Wind zu wehen. Um diese Uhrzeit gehen wir dann sowieso, wegen der Sonneneinstrahlung, aber wenn wir am späten Nachmittag wiederkommen, wünschen wir uns die Strandkörbe von der Nordseeküste her. Zum Glück entdecken wir ein strategisch gut positioniertes Fischerboot, hinter dem wir windgeschützt liegen können.
Auf einmal kommt ein lautes Geräusch vom Boot. Was war das denn?
Wir schauen hoch – und auf dem Boot steht plötzlich eine Rumflasche.
Der Rumflaschenbesitzer ist genauso erschrocken wie wir darüber, an diesem Strand nicht allein zu sein.
Der Malecón
Direkt an den Strand grenzt ein Wald, und durch diesen führt ein kleiner Weg sonnen- und windgeschützt parallel zum Strand entlang.
Es ist also wirklich sehr schön hier. Und vom Massentourismus, den ich eigentlich in der Dominikanischen Republik erwartet hätte, ist definitiv nichts zu spüren, ganz im Gegenteil.
Aber es wird bereits mit Hochdruck daran gearbeitet, diese Idylle zu zerstören.
Ein kilometerlanger Malecón, also eine Strandpromenade, inklusive Bebauung ist geplant. An mehreren Stellen wurde der Wald bereits gerodet und es wird großflächig gebaut.
Es dauert also nicht mehr allzu lange, und Pedernales wird wie viele andere Orte in diesem Land entweder zu einem Massentourismus-Ziel oder zu einem Bauruinen-Biotop.
Die Grenze
Wir möchten herausfinden, ob es an der anderen Seite von Pedernales auch einen Strand gibt, und gehen von unserer Unterkunft aus westwärts. Nach zwei oder drei Blöcken endet bereits der Ort.
Wir gehen im Zickzack durch landwirtschaftliche Flächen und Gestrüpp und landen dann an einer noch nicht fertiggestellten Straße.
Vermütlich gehört diese auch zu dem Malecón-Megaprojekt.
Jedenfalls sind es von hier nur noch ein paar Meter zum Meer.
Und tatsächlich: Auch auf dieser Seite gibt es einen kilometerlangen Strand. Allerdings aus Steinen anstatt aus Sand.
Ein Stück weiter vorne sehen wir einen Turm und wählen diesen als Ziel unseres Spaziergangs.
Dort angekommen staunen wir nicht schlecht: Dieser Turm scheint nicht einfach nur ein Leuchtturm oder so etwas zu sein: Ein endlos langer, hoher Zaun trennt von hier an die linke von der rechten Seite.
Vor dem Turm kann man aber problemlos vorbeigehen. Bis zu einem Fluss, der hier ins Meer mündet.
Sind wir hier an der Grenze zu Haiti gelandet? Ich schaue in meinem Handy auf der Karte nach – und tatsächlich: Der Fluss vor uns ist der Grenzfluss Riviére de Pedernales, das hier ist also tatsächlich die Grenze.
Und wir können hier einfach so herumlaufen?
Wir entscheiden uns, lieber wieder ins Dorf zurück zu gehen. Und dabei achten wir darauf, dass wir uns auf der richtigen Seite des Grenzzauns befinden.
Aber nun werden in dem Turm stationierte Grenzschützer auf uns aufmerksam.
Es gibt hier also doch jemanden.
Wir dürfen hier nicht weitergehen, wird uns erklärt, wir sollten stattdessen den Strand entlang zurück gehen.
Wie sind wir eigentlich hierher gekommen, sind wir keinem seiner Kollegen begegnet? Nein, wir sind den Strand entlang spaziert und dabei niemandem begegnet, antworte ich.
Ungläubig ruft er etwas zu seinem Kollegen oben auf dem Turm.
Auf unserem Rückweg entdecken wir dann den Kollegen, der uns vorher eigentlich hätte aufhalten sollen. Er sitzt unter einem Busch im Schatten, sein Handy in der Hand. Vermutlich war er vorhin mit dem Durchscrollen durch die endlose Flut an Reels beschäftigt und konnte daher nicht auf irgendwelche unbedarfte Touristen achten, die an ihm vorbei unwissentlich nach Haiti spazieren.
| Land: | Dominikanische Republik |
| Ort: | Pedernales |
| Reisedatum: | 13.03.2026 - 19.03.2026 |
| Autor: | Manuel Sterk |
| Veröffentlicht: | 25.03.2026 |
| Leser bisher: | 23 |
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