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Costa Rica
Sámara

Gehässige Menschen und ein magischer Strandort

Lesedauer: ca. 11 Minuten

Die Busfahrt von San José nach Sámara dauert fünf Stunden. Angeblich. Denn letztendlich werden es gute sieben Stunden. Der Bus ist rappelvoll. Gut, dass ich einen ausreichenden Vorrat an FFP2-Masken dabei habe, denn wer weiß, wie viele verschiedene Corona-Mutationen ich mir ansonsten während dieser Fahrt einfangen würde.

Im Bus entstehen die üblichen Interessenskonflikte bezüglich dem Zurückklappen der Sitze. Mein Sitznachbar links neben mir versucht, zwischen seinen Landsleuten vor und hinter mir zu vermitteln, aber erfolglos. Er kann nur den Kopf schütteln vor soviel Borniertheit.

Dann erzählt er mir, er käme aus San Ramón. Warum diese Information wichtig ist, werde ich gleich erfahren. Ich weiß bereits, dass San Ramón noch vor der Grenze zur Provinz Guanacaste liegt, welche Ziel unserer Busfahrt ist. Und das weiß ich deshalb, weil mir dieser Ortschaftsname gestern bei einem Blick auf eine Karte aufgefallen ist, aus Gründen, die der ein oder andere Leser dieser Zeilen kennen wird.

Jedenfalls führt mein Sitznachbar unsere Unterhaltung nun auf eine etwas außergewöhnliche Weise fort: Damit die Leute um uns herum nicht mitbekommen, was er mir zu erzählen hat, tippt er einen Satz in sein Handy ein und gibt ihn mir dann zu lesen.
Er schreibt, dass die Leute aus Guanacaste grundsätzlich gehässig seien. Dazu schreibt er noch ein paar weitere Attribute, von denen ich allerdings die wenigsten kenne. Ich muss dringend an meinem Spanisch-Wortschatz für beleidigende Zuschreibungen arbeiten, notiere ich mir gedanklich.

Als ich nachfrage, ob wirklich alle Menschen dort so seien, kommt er ins Grübeln. Nein, antwortet er mir schließlich, nur 90 Prozent.

Pura Vida

„Pura vida“, das bedeutet wörtlich „pures Leben“. Hier in Costa Rica ist dieser Ausdruck so etwas wie ein Slogan, man hört ihn ununterbrochen, im Sinne von „Okay“ oder „cool“ oder auch als Begrüßung oder Verabschiedung. Auf Wiedersehen! Pura vida!

Mein Sitznachbar tippt wieder in sein Handy: In Guanacaste würde es nicht „pura vida“ heißen, sondern „pura caca“.
Was übersetzt „pure Scheiße“ bedeutet, das nur zur Information, falls jemand nicht von selbst darauf gekommen sein sollte ;)

Exponentielles Wachstum

Zum Glück war ich schon einmal in Sámara und somit in Guanacaste, und ich kann mich nicht erinnern, damals, vor gut fünf Jahren, negative Erfahrungen mit den Menschen dort gemacht zu haben, ganz im Gegenteil.
Ohne diese Kenntnis würde ich jetzt womöglich umdrehen.

Allerdings: In Sámara leben gefühlt mehr Ausländer als Einheimische. Was wiederum an einem unerklärlichen magischen Effekt liegt, der dazu führt, dass viele Touristen, die aus mehr oder weniger zufälligen Gründen für ein paar Tage nach Sámara kommen, dort für immer bleiben. Manche eröffnen dann Hotels oder Restaurants, oder sie gründen ein Tour-Unternehmen, andere machen Musik oder Yoga oder stellen Schmuck her, wiederum andere machen gar nichts. Aber die wenigsten kommen von Sámara wieder weg.

Und daher befürchte ich, dass mit Sámara dasselbe passiert ist wie mit einem anderen Strandort, den ich gut kenne, nämlich Palomino in Kolumbien. Dieser hat sich in kurzer Zeit derart exponentiell ausgebreitet, dass vermutlich sogar das Corona-Virus darauf neidisch ist.

Aber als ich dann nach der langen Fahrt endlich in Sámara ankomme, bin ich völlig verblüfft: Sámara hat sich in den fünf Jahren überhaupt nicht verändert.

Das eine Restaurant hat ein paar Tische mehr, ein anderes ist nun geschlossen, der Name eines Hostels hat sich geändert, die Besitzerin eines Strandrestaurants hat nun ein Kind, das beim letzten Mal noch nicht da war - aber ansonsten ist alles so geblieben, wie ich es damals verlassen habe.

Außer, dass es das Tabanuco nicht mehr gibt. Dort wurden, unter anderem, jedes Wochenende direkt am Strand die legendären Tabanuco Reggea Nights gefeiert, zu denen regelmäßig die Einwohner der gesamten Region gepilgert sind. Jeder, der einmal in Sámara war, wird sich daran erinnern. Oder eben auch nicht, je nach Verlauf der Nacht.

Musik und Kolumbien

Das Tabanuco war vermutlich das letzte Relikt einer vergangenen Epoche. Noch bis Ende der Neunzigerjahre gab es so gut wie keinen Tourismus in Sámara, dafür aber unzählige „discotecas“, was auch immer genau man sich darunter vorzustellen hat. Bekannte Musiker aus ganz Lateinamerika haben sich in Sámara die nicht vorhandene Türklinke in die Hand gegeben, unzählige Musikfestivals wurden hier veranstaltet. Zudem hatte Sámara einen direkten Anschluss an die Drogenlieferkette aus Kolumbien.

Das zumindest wird mir so erzählt, wobei unklar bleibt, ob dieser Zeit nachgetrauert wird und wenn ja, wegen welchem der genannten Punkte.

Der Touri-Ort

Mittlerweile ist Sámara ein reiner Touristen-Ort. Solchen Orten kann ich eigentlich überhaupt nichts abgewinnen. Nichts ist daran authentisch, und erst recht dann nicht, wenn Restaurants oder Läden mit angeblicher Authentizität werben. Wobei die Läden in Sámara das immerhin erst gar nicht versuchen.

Aber irgendetwas ist hier besonders.

Alles an und in Sámara strahlt eine derartige Gelassenheit und Unaufdringlichkeit aus, dass man sich schon in einer sehr besorgniserregenden Phase seines Lebens befinden müsste, um nicht davon angesteckt zu werden.

Zudem wirkt Sámara, sobald man den Bereich um die zum Strand führende Hauptstraße verlässt, irgendwie wie ein typisches mittelamerikanisches Dorf. Obwohl natürlich trotzdem der Tourismus alles dominiert. Eine faszinierende Täuschung also.

Der Bilderbuch-Strand

Der Strand liegt in einer hufeisenförmigen Bucht und ist so lang, dass man ihn morgens einmal ablaufen kann und dadurch das oftgenannte Soll von 10.000 Schritten locker erfüllt hat. Denn Rest des Tages muss man sich somit nicht mehr bewegen, was angesichts der Temperaturen auch das Vernünftigste ist.

Erstaunlich leer ist es hier. Manchmal muss man fast schon gezielt unter die Palmen schauen, um andere Menschen zu entdecken.

Lediglich am Wochenende wird es etwas voller, wenn die Einheimischen den Strand zurückerobern. Wobei deren Gruppengrößen vermutlich nicht der aktuellen Corona-Verordnung entspricht. Obwohl, ich weiß natürlich nicht, wie groß hier ein Haushalt typischerweise ist.

Fußball und Kokosnuss

Ansonsten füllt sich der Strand erst kurz vor Sonnenuntergang. Und dann gerät alles in Bewegung. Eine große Gruppe spielt Fußball, eine andere Volleyball und dazwischen jagen sich fünf Hunde, die um eine Kokosnuss kämpfen. Als der Fußball und die Hunde in das Volleyballfeld geraten, wird es für kurze Zeit etwas chaotisch.

Vor mir begrüßt eine Gruppe lautstark den neu hinzugekommen Freund, der eisgekühltes Bier mitgebracht hat.

Die Einheimischen hinter mir rauchen einen Joint, während die rechts neben mir gerade einen imposanten Lautsprecher in Betrieb nehmen. Der hierdurch neu hinzugekomme Reggeaton von rechts vermisch sich nun mit den Techno-Beats von links.

Auf dem Weg hinter dem Strand führt jemand ein Schwein spazieren. Das geht solange gut, bis sich die Kokosnuss-Hunde entscheiden, nun dieses Schwein zu jagen.

Irgendwann wird es so dunkel, dass die sportlichen Aktivitäten beendet werden und nur noch getrunken und geraucht und Musik gehört wird.

Dass der Strand eigentlich bereits seit 18 Uhr wegen einer für mich nicht ganz erklärlichen Corona-Regel gesperrt ist, scheint niemanden zu stören. Am wenigsten die beiden Polizisten, die vorne am Strandzugang stehen und entspannt eine Zigarette rauchen.

Etwas später verlagert sich das Geschehen zur nächstgelegenen Strandbar. Wobei ich mich, frisch aus dem deutschen Winter-Lockdown hergekommen, erstmal an sowas gewöhnen muss.

Direkt neben dieser Bar befindet sich ein Fußballplatz, an dem ein offensichtlich wichtiges Spiel stattfindet, so angespannt wie hier manche zuschauen.

Import-Wein

Beim Abendessen im Restaurant geht es an meinem Nachbartisch heiß her: Über das Handy läuft lateinamerikanische Musik und die Frauen am Tisch singen lautstark jeden Text mit, immer wieder stehen sie auf und tanzen dazu.
Und einer der Männer gibt laufend derart blöde Sprüche von sich, dass ich irgendwann das Schmunzeln nicht mehr unterdrücken kann. Woraus die Leute an diesem Tisch schließen, dass ich Spanisch verstehe, und mich zu ihnen beten.
Ohje, das kann ja lustig werden mit denen...

Der mit den blöden Sprüchen ist ein Italiener, erfahre ich, der schon seit Ewigkeiten hier lebt und italienischen Wein nach Costa Rica importiert. Und dieser importierte Wein wird mir natürlich erstmal eingeschenkt.

Als genug Wein geflossen ist, entscheiden sie sich, noch zu dem Weinimporteur nach Hause zu fahren. Ob ich mitkommen möchte? Ich bedanke mich für die Einladung, bleibe aber dann doch hier. Zum einen, weil ich wirklich schon genug importierten Wein getrunken habe, und zum anderen bin ich soviel Gesellschaft seit Corona nicht mehr gewohnt, ich muss mich erstmal davon erholen.
Und zudem habe ich mitverfolgt, wieviel Wein der Fahrer getrunken hat, ich weiß also nicht, ob es jetzt die allerbeste Idee wäre, in sein Auto einzusteigen.
Also gehe ich zurück zu meiner Unterkunft.

Mangohagel

Dort es nachts angenehm ruhig. Aber ab und zu tut sich ein heftiger Schlag und dann poltert irgendwas. Was ist das denn?

Die Besitzerin der Unterkunft klärt mich auf: Das sind Mangos, die von dem Baum mit Schwung auf das Blechdach fliegen. Und das Problem ist dabei nicht nur der Krach, sondern dass die Mangos dabei auch das Dach zerstören. Ich wusste nicht, dass Mangos derart destruktive Kräfte entfalten können.

Jedenfalls steht der Baum auf dem Nachbargrundstück, und die Nachbarn haben kein Interesse daran, ihren Baum zurechtzustutzen, schließlich ist es ja nicht deren Dach, auf das die Mangos fliegen.

Land:Costa Rica
Ort:Sámara
Reisedatum:19.02.2021 - ???
Autor:Manuel Sterk
Veröffentlicht:28.02.2021
Leser bisher:85

Deine Meinung zu dieser Reiseerzählung:


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Nicht so toll
Oliver Texter
Vielen Dank für den schönen Bericht!
Pass auf dich auf und bleib gesund!
Katha
Vorsicht vor den Flugmangos😉
Katharina Heil
Hi Manuel! Du bist zurück in Sámara!!! Ich bin neidisch und würde gerne auch meine Koffer packen und los. Wir wären damals zusammen in der Sprachschule dort und ich hatte dich, ich glaube 2 Jahre später in Kolumbien wieder getroffen 😉. Vielleicht erinnerst du dich. Gott sie dank habe ich deinen Blog noch immer abboniert und deine tolle, neue Erzählung eben gerade gelesen. Gute Reise und alles Gute :) Katha
Manuel
Vielen Dank, Katha!
Ich hoffe, Du kannst Deine Koffer bald wieder packen - und vielleicht laufen wir uns dann wieder irgendwo auf dieser schönen Welt über den Weg?
Manuel
Flugmangos! Danke, Katha, endlich weiß ich, was ich mir darunter vorzustellen habe...
Manuel
Vielen Dank Olli!
Gut, dass Du nicht auch Katha heißt, sonst würde es hier in den Kommentaren womöglich irgendwann etwas verwirrend werden ;)
Liebe Grüße in den Norden!
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